{"id":1194,"date":"2025-01-07T14:16:17","date_gmt":"2025-01-07T13:16:17","guid":{"rendered":"https:\/\/demo2.egm.at\/www.thelivingcore-original.com\/?p=1194"},"modified":"2026-04-13T10:55:11","modified_gmt":"2026-04-13T08:55:11","slug":"futures-literacy-vom-lernen-ueber-die-welt-zum-co-becoming-mit-ihr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/demo2.egm.at\/www.thelivingcore-original.com\/futures-literacy-vom-lernen-ueber-die-welt-zum-co-becoming-mit-ihr\/","title":{"rendered":"Futures Literacy: Vom Lernen \u00fcber die Welt zum \u201cCo-becoming\u201d mit ihr"},"content":{"rendered":"\n<p>Dies ist ein Auszug aus dem Entwurf eines Artikels, der 2022 in einem Sammelband \u00fcber menschliche Lernr\u00e4ume von Christine Kohlert, bei Springer erscheinen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Innovation besch\u00e4ftigt sich mit der Zukunft, indem sie in unsere Umwelt eingreift und sie gestaltet. Wenn wir aber nicht nur bestehende L\u00f6sungen optimieren oder inkrementell innovieren wollen, m\u00fcssen wir uns unweigerlich auf zukunftsorientierte Denk-, Lern- und Handlungsweisen einlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Zusammenhang spielt der Begriff der \u201cFutures Literacy\u201d eine wichtige Rolle. W\u00e4hrend sich das klassische Verst\u00e4ndnis von \u201cLiteracy\u201d (d.h. Alphabetisierung) auf die Beherrschung des Lesens, Schreibens oder mathematischen Denkens konzentriert, umfassen neuere Formen von Literacy auch kritisches Denken, den Umgang mit Technologie oder soziale Kompetenzen und die Empathief\u00e4higkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Futures Literacy geht noch einen Schritt weiter, indem sie behauptet, dass es eine wesentliche kognitive Kapazit\u00e4t ist, unsere Vorhersagef\u00e4higkeiten zu kultivieren und auszubilden. In vielen F\u00e4llen werden diese F\u00e4higkeiten jedoch f\u00e4lschlicherweise auf die Planung oder das Setzen und Erreichen von Zielen reduziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diese Weise gehen sie nicht \u00fcber eine Strategie der Extrapolation aus der Vergangenheit hinaus, die auf linearem Denken, Vorhersage durch Wahrscheinlichkeiten und Kontinuit\u00e4t beruht \u2013 aber auch auf dem Prinzip, dass \u201ekeine Ver\u00e4nderung der Bedingungen f\u00fcr Ver\u00e4nderungen\u201c stattfinden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese recht enge Sichtweise der Antizipation und Gestaltung der Zukunft hat ihre Wurzeln in einem Verst\u00e4ndnis der Zukunft als Ziel oder gew\u00fcnschtem Zustand, den wir bereits vor Augen haben und der erreicht werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Kenntnis der Zukunft zur Erm\u00f6glichung sich entfaltender Zuk\u00fcnfte<br>\nDies steht im Gegensatz zu dem, was man als \u201cAntizipation der Emergenz\u201d bezeichnet. Das Sp\u00e4ter-als-Jetzt ist nicht mehr ein explizites und geplantes Ziel, sondern ein Potential, das bereits in der Gegenwart angelegt ist. Es durchl\u00e4uft einen Prozess der Entfaltung und Emergenz und wird sich zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt verwirklichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zukunftskompetenz ist also keine F\u00e4higkeit, \u201edie Zukunft zu kennen\u201c, sondern es geht vielmehr darum, m\u00f6gliche Zuk\u00fcnfte zu explorieren, vorzubereiten und zu erm\u00f6glichen. Sie schafft die Voraussetzungen daf\u00fcr, dass sich eine positive Zukunft entwickeln kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zukunft, oder genauer gesagt, die in der Gegenwart entstehenden Zukunftspotentiale, werden so zu einer der wichtigsten Quellen in diesem Prozess der Zukunftsgestaltung. In diesem Sinne \u201ebedient\u201c sich die Zukunft \u201cbei sich selbst\u201d, statt bei der Vergangenheit \u2013 und wird so zu einer Quelle neuer Chancen und M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Gegenwart.<\/p>\n\n\n\n<p>Was bedeutet das, und vor allem, welche kognitiven und verk\u00f6rperten (\u201cembodied\u201d) Aktivit\u00e4ten sind daran beteiligt? Und wie kann man eine angemessene Ausbildung oder ein passendes Training daf\u00fcr anbieten? Was unsere kognitiven F\u00e4higkeiten im Bereich der Zukunftskompetenz betrifft, so bezeichnen wir sie als \u201canticipatory sense-making\u201d und wir haben in einem unserer fr\u00fcheren Blogbeitr\u00e4ge dar\u00fcber geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bezug auf Bildungsfragen m\u00fcssen wir anerkennen, dass f\u00fcr die Entwicklung der zukunftsorientierten Perspektive (des \u201canticipatory sense-making\u201d) weder ausreicht, nur bereits vorhandenes Wissen bereitzustellen. Es reicht vor allem auch nicht zu lehren\/lernen, wie man die Zukunft schlichtweg vorhersagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herausforderung besteht vielmehr darin, zu lernen, wie man mit der Offenheit und der disruptiven, emergenten Natur der Zukunft umgeht. Dies kann erreicht werden, indem neue Handlungsr\u00e4ume und -nischen erforscht, mitgestaltet und geformt werden und indem die Voraussetzungen f\u00fcr die Realisierung latenter Potentiale in der Gegenwart ermittelt und kultiviert werden. Mit anderen Worten: Zukunftskompetenz bedeutet, sich auf einen Prozess des gemeinsamen Werdens (also Co-becoming) mit einer sich entfaltenden Realit\u00e4t einzulassen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Innovation und Lernen als Co-becoming<\/h2>\n\n\n\n<p>Co-becoming bedeutet, dass wir \u00fcber unsere Beziehung zur Welt nachdenken und sie hinterfragen m\u00fcssen. Anstatt in erster Linie etwas \u201e\u00fcber\u201c die Welt zu wissen, \u201e\u00fcber sie\u201c zu lernen und sie zu kontrollieren, m\u00fcssen wir uns auf eine austauschorientierte, interaktive, existentielle und kooperative Beziehung zur Welt einlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese neuartige Form des \u201cEngagements\u201d wurde auch in einem k\u00fcrzlich erschienenen UNESCO-Bericht \u00fcber die Zukunft des Lernens und der Bildung als ein zentrales Erfordernis genannt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n\n<p>\u2026we have recognized that we live and learn in a world. Our pedagogies no longer position the world out-there as the object we are learning about. Learning to become with the world is a situated practice and a more-than-human pedagogical collaboration\u2026 By focusing on worldly relations and encounters as inherently pedagogical, acknowledging that it is not only humans that teach and learn, and by mobilising human curiosity to learn from what is already going on in the world, we\u2026 make the shift from only ever learning about the world to learning with it.<\/p>\n\n\n\n<p>UNESCO \u2013 Learning to become with the world: Education for future survival.<\/p>\n\n\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Herausforderung des Lernens und der Innovation besteht also darin, sich auf einen Prozess des gemeinsamen Werdens (also des Co-becoming) mit der Welt einzulassen, anstatt nur \u00fcber die Welt zu lernen. Dies hat auch eine wesentliche soziale Dimension, da es nicht nur ein Zusammenleben mit der \u201enicht lebenden Welt\u201c, sondern auch mit anderen kognitiven Systemen und Menschen bedeutet. Die partizipative Sinnstiftung ist die Grundlage f\u00fcr einen solchen Prozess, der letztlich zur Mitgestaltung der Welt als sozial gestaltete Umwelt f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>In vielen F\u00e4llen er\u00f6ffnen diese Interaktionen des Co-becoming neue Bereiche des sozialen, gemeinschaftlichen Sense-making, die dem Einzelnen allein nicht zur Verf\u00fcgung stehen w\u00fcrden. Durch die Beteiligung an solchen gemeinsamen Sense-making-Prozessen entsteht ein Sinn (\u201cpurpose\u201d), der nicht nur sozial konstruiert wird, sondern auch einen neuen \u201cpurpose\u201d als die Grundlage f\u00fcr Innovationen bildet. Wenn diese Prozesse auf Zukunftspotentialen beruhen, werden wir damit nicht nur Teil der bestehenden Welt, sondern auch ihrer Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir vorschlagen, ist eine alternative Perspektive darauf, wie neue Bedeutung, neues Wissen und Innovationen hervorgebracht werden k\u00f6nnen \u2013 n\u00e4mlich in einem antizipatorischen, emergenten Prozess der sozio-epistemischen Kooperation und des Co-becoming mit der sich entfaltenden sozialen und nicht-sozialen Umwelt. Wir bezeichnen diese Perspektive als \u201cEmergent Innovation\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Stellen Sie sich als Analogie Musiker:innen vor, die gemeinsam improvisieren und neue Melodien, Rhythmen und Harmonien hervorbringen, indem sie Potentiale der Musik erforschen, die ihre jeweiligen Partner:innen interaktiv f\u00fcreinander bereitstellen. \u00c4hnlich wie bei zukunftsorientierten Innovationsprozessen machen sie sich gegenseitig \u201edie Zukunft zunutze\u201c, indem sie die von ihrer Umgebung bereitgestellten Potentiale wahrnehmen, aufgreifen und entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Weiterf\u00fchrende Literatur<\/h3>\n\n\n\n<h2>Literatur<\/h2>\n<p>De Jaegher, H., &amp; Di Paolo, E. (2007). Participatory sense-making. An enactive approach to social cognition. Phenomenology and the Cognitive Sciences, 6(4), 485\u2013507.<\/p>\n<p>Ingold, T. (2013). Making. Anthropology, archaeology, art and architecture. Routledge.<\/p>\n<p>Miller, R. (Ed.). (2018). Transforming the future. Anticipation in the 21st century. Routledge.<\/p>\n<p>OECD. (2018). The Future of Education and Skills: Education 2030. OECD. <a href=\"https:\/\/www.oecd.org\/education\/2030\/E2030%20Position%20Paper%20(05.04.2018).pdf\">https:\/\/www.oecd.org\/education\/2030\/E2030%20Position%20Paper%20(05.04.2018).pdf<\/a> (date of download: 27.02.2020)<\/p>\n<p>Peschl, M. F. (2020). Theory U: From potentials and co-becoming to bringing forth emergent innovation and shaping a thriving future. On what it means to \u201clearn from the future as it emerges.\u201d In O. Gunnlaugson &amp; W. Brendel (Eds.), Advances in Presencing (Vol. 2, pp. 65\u2013112). Trifoss Business Press.<\/p>\n<p>Peschl, M. F., Fundneider, T., &amp; Kulick, A. (2015). On the limitations of classical approaches to innovation. From predicting the future to enabling \u201cthinking from the future as it emerges.\u201d In Austrian Council for Research and Technology Development (Ed.), Designing the Future: Economic, Societal and Political Dimensions of Innovation (pp. 454\u2013475). Echomedia.<\/p>\n<p>Peschl, M. F., R\u00f6tzer, K., Bottaro, G., &amp; Hartner-Tiefenthaler, M. (2019). The role of the shift from I-to-We and Theory-U in overcoming 21st century illiteracies. In O. Gunnlaugson &amp; W. Brendel (Eds.), Advances in Presencing (Vol 1) (pp. 161\u2013210). Trifoss Business Press.<\/p>\n<p>Poli, R. (2021). The challenges of futures literacy. Futures, 132, 1\u20139.<\/p>\n<p>UNESCO. (2021). Learning to become with the world: Education for future survival. UNESCO (Futures of Education). <a href=\"https:\/\/unesdoc.unesco.org\/ark:\/48223\/pf0000374032?fbclid=IwAR0YU-sJserzEoHPvkRHkYAYO1Eq_nyFjHmcH8Em0n4KJx0BZib4hP5bk8A\">https:\/\/unesdoc.unesco.org\/ark:\/48223\/pf0000374032?fbclid=IwAR0YU-sJserzEoHPvkRHkYAYO1Eq_nyFjHmcH8Em0n4KJx0BZib4hP5bk8A<\/a> (date of download: 07.12.2021)<\/p>\n<p>Featured image: Ben Sweet on Unsplash<\/p>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist ein Auszug aus dem Entwurf eines Artikels, der 2022 in einem Sammelband \u00fcber menschliche Lernr\u00e4ume von Christine Kohlert, bei Springer erscheinen wird. Innovation besch\u00e4ftigt sich mit der Zukunft, indem sie in unsere Umwelt eingreift und sie gestaltet. 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