{"id":1191,"date":"2025-01-07T14:11:43","date_gmt":"2025-01-07T13:11:43","guid":{"rendered":"https:\/\/demo2.egm.at\/www.thelivingcore-original.com\/?p=1191"},"modified":"2026-04-13T10:55:11","modified_gmt":"2026-04-13T08:55:11","slug":"perverted-joy-wie-lange-arbeitsstunden-zu-einem-mass-fuer-leidenschaft-wurden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/demo2.egm.at\/www.thelivingcore-original.com\/perverted-joy-wie-lange-arbeitsstunden-zu-einem-mass-fuer-leidenschaft-wurden\/","title":{"rendered":"Wie lange Arbeitsstunden zu einem Ma\u00df f\u00fcr Leidenschaft wurden"},"content":{"rendered":"\n<p>Es besteht kein Zweifel, dass \u201cgl\u00fcckselige\u201d (joyful) Arbeit besser ist, als eine, die ist nicht w\u00e4re. Doch nicht alles, was mit dem Etikett \u201eFreude\u201c, \u201eLeidenschaft\u201c oder \u201eGl\u00fcck\u201c versehen ist, h\u00e4lt, was es verspricht. Oft wird \u201cJoy\u201d (also Freude oder Gl\u00fcckseligkeit) als probates Werkzeug gesehen und nicht als selbststehendes Ziel, das es wert ist, ohne verborgene Motive verfolgt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Projekt, das darauf abzielt, unser Gl\u00fcck oder unsere Gl\u00fcckseeligkeit zu vermehren, hat einen gewichtigen Nachteil. Unternehmen m\u00fcssen wirtschaftlich handeln, sodass jegliches Gl\u00fcck im B\u00fcro zun\u00e4chst von wirtschaftlichen Erfordernissen bestimmt wird. Das ist zwar nachvollziehbar, aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass solche Projekte am Ende kontraproduktiv sein k\u00f6nnen, sowohl wirtschaftlich als auch psychologisch. Sie machen Mitarbeiter:innen nicht gl\u00fccklicher, zehren diese vielmehr aus und erweisen sich obendrein als effizienzmindernde Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Vergangenheit wurde Gl\u00fcckseeligkeit oder Leidenschaft als radikales <a href=\"https:\/\/www.gallup.com\/workplace\/313313\/historic-drop-employee-engagement-follows-record-rise.aspx\">Engagement<\/a> verstanden. Von Arbeitnehmer:innen, die ihre Arbeit lieben, wurde erwartet, dass sie ihr Bed\u00fcrfnis nach Schlaf, Hobbys und Beziehungen opfern, um sich nicht ablenken zu lassen, w\u00e4hrend sie ihrer Leidenschaf nachgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu viel Arbeit (in Form von Arbeitsstunden) f\u00fchrt jedoch zu einer erh\u00f6hten Rate an k\u00f6rperlicher und psychischer Erkrankungen. In einer Vielzahl an Studien wird wiederholt betont, dass zu viel Arbeit eine Organisation weniger effizient macht. Mehr Arbeit ist nicht gleichbedeutend mit mehr Produktivit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt verschiedene Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass die 40-Stunden-Woche immer noch der Goldstandard ist \u2013 auch wenn sie oft als ineffizient angesehen wird. In gewisser Hinsicht gibt es auf der Seite der Arbeitgeber:innen Argumente f\u00fcr eine l\u00e4ngere Wochenarbeitszeit, insbesondere wenn es darum geht, die kurzfristigen Ausgaben zu senken. Wir wollen uns jedoch auf die Freude oder Leidenschaft konzentrieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit den 80er Jahren wurde stillschweigend davon ausgegangen, dass 40-Stunden-Wochen f\u00fcr \u201eleidenschaftliche\u201c Menschen altmodisch und langweilig sind. In der neuen Arbeitswelt w\u00fcrden die Menschen ihren ultimativen Sinn und ihr Gl\u00fcck in der schieren, unvergleichlichen Freude an der Arbeit finden. Sie w\u00fcrden eigentlich nichts anderes tun wollen, als zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute wissen wir jedoch, dass dieser Ansatz f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der Menschen nicht funktioniert. Sein menschlicher Tribut und seine langfristigen Auswirkungen auf die Leistung sind h\u00f6her als seine kurzfristigen Vorteile. Aber wenn dieser Ansatz tats\u00e4chlich ineffizient ist, woher kommt er dann?<\/p>\n\n\n\n<p>In den 1950er Jahren entdeckten die Waffenhersteller im Silicon Valley eine neue menschliche Ressource mit gro\u00dfem Potenzial. Heute w\u00fcrden wir diese Gruppe von Menschen als \u201ehochbegabt, aber autistisch\u201c bezeichnen \u2013 damals noch nicht als \u201eAsperger-Syndrom\u201c bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Arbeitskr\u00e4fte waren von einer sehr starken Leidenschaft f\u00fcr Technik und Erforschung beseelt. Sie hatten einen besonderen Rhythmus und eine Veranlagung zu ausgedehnten Arbeitszeiten, die f\u00fcr durchschnittliche Arbeitnehmer:innen unvorstellbar waren. Ihre Forschung besch\u00e4ftigte sie Tag und Nacht. Sie wurden von ihrer Leidenschaft und ihrem brennenden Wunsch zu arbeiten angetrieben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\">\n    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/demo2.egm.at\/www.thelivingcore-original.com\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/7.jpg\" alt=\"\" \/>\n    <figcaption>Der Aufbau von B\u00fcros wie ein Ersatzwohnsitz, mit Fitnesszentren und Schlafzellen, legt(e) nahe, dass die Mitarbeiter:innen bleiben sollten, anstatt nach getaner Arbeit zu gehen. Photo by Danielle Cerullo on Unsplash&nbsp;<\/figcaption> \n<\/figure>\n\n<p>Dies war auch die Geburtsstunde des so genannten \u201eGeeks\u201c: ein Mensch, der alles andere zur\u00fcckstellt und sein Interesse an Wissenschaft und Technik an die erste Stelle setzt. Die Unternehmen dehnten ihre Arbeitszeiten stark aus, so dass die Programmierer:innen sp\u00e4t nach Hause kommen und nachts arbeiten konnten. Sie schafften die Kleiderordnung ab und begannen, den exzentrischen Charakter ihrer Mitarbeiter:innen zu kultivieren und zu feiern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist ein authentisches Beispiel daf\u00fcr, wie freudige, leidenschaftliche Arbeit zu gro\u00dfer wirtschaftlicher St\u00e4rke und gesch\u00e4ftlichem Erfolg f\u00fchren kann, wenn sie den Arbeitsvorlieben eines Menschen entspricht. Im sp\u00e4ten 20. Jahrhundert wurde dieses Beispiel zunehmend als universelle Blaupause und nicht als einzigartige Erfolgsgeschichte angesehen. Doch im Vergleich zu Ingenieur:innen mit Asperger-Syndrom haben die meisten Menschen ganz andere Bed\u00fcrfnisse in Bezug auf ihr soziales Leben, ihren Schlaf oder Sport und haben auch eine Vielzahl konkurrierender Interessen und nicht nur einzelne Leidenschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Inspiriert durch die Erfolgsgeschichten im Silicon Valley begann man au\u00dferdem, lange Arbeitszeiten als quantitatives Ma\u00df f\u00fcr \u201eLeidenschaft\u201c zu betrachten. Wenn ihre Mitarbeiter:innen lange arbeiten k\u00f6nnen, sind sie auch leidenschaftlich bei der Sache. Das dachten zumindest die Manager.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch anstatt diesen Ma\u00dfstab im Nachhinein zu verwenden, schufen die Unternehmen ein Umfeld, das die Bestrafung von Mitarbeiter:innen f\u00f6rderte, die weniger Zeit in ihren B\u00fcros verbringen. Der Aufbau von B\u00fcros wie ein Ersatzwohnsitz, mit Fitnesszentren und Schlafzellen, legt(e) nahe, dass die Mitarbeiter:innen bleiben sollten, anstatt nach getaner Arbeit zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mentalit\u00e4t, lange Arbeitszeiten zu haben (manchmal doppelt so lange wie 40 Stunden), hat den Technologiesektor und sp\u00e4ter auch viele andere Branchen in den USA \u00fcbernommen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Europa sind die Arbeitszeiten gut geregelt, aber 40-Stunden-Wochen (und l\u00e4nger) sind immer noch \u00fcblich, vor allem auf den h\u00f6heren Stufen der Karriereleiter und in Sektoren wie Finanzwesen, Anwaltskanzleien, Beratung und ganz allgemein im mittleren Management. Seien Sie versichert, dass dies nur einer Minderheit von Arbeitnehmer:innen Freude bereiten, w\u00e4hrend es die Mehrheit ihrer Arbeitsressourcen langfristig aufbrauchen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterm Strich: Eine begeisterte Minderheit dr\u00fcckt ihre Freude durch kompromisslose Hingabe aus. Viele hingegen suchen ihre Freude in m\u00e4\u00dfiger, sparsamer Arbeit und verlieren sie wieder, wenn sie sich nicht anderen Dingen im Leben widmen k\u00f6nnen. Es ist daher umso wichtiger, sich vor Augen zu halten, dass nur weil Ihre Mitarbeiter:innen nicht mehr oder sogar weniger als 40 Stunden arbeiten wollen, dies nicht bedeutet, dass sie keine Freude an ihrer Arbeit haben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Weiterf\u00fchrende Literatur<\/h3>\n\n\n\n<p>Featured image: Jonas Leupe<\/p>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es besteht kein Zweifel, dass \u201cgl\u00fcckselige\u201d (joyful) Arbeit besser ist, als eine, die ist nicht w\u00e4re. Doch nicht alles, was mit dem Etikett \u201eFreude\u201c, \u201eLeidenschaft\u201c oder \u201eGl\u00fcck\u201c versehen ist, h\u00e4lt, was es verspricht. 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