{"id":1133,"date":"2024-12-18T15:28:28","date_gmt":"2024-12-18T14:28:28","guid":{"rendered":"https:\/\/demo2.egm.at\/www.thelivingcore-original.com\/?p=1133"},"modified":"2026-04-13T10:55:11","modified_gmt":"2026-04-13T08:55:11","slug":"offenheit-und-privatsphaere-was-bedeuten-sie-fuer-unsere-arbeitswelten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/demo2.egm.at\/www.thelivingcore-original.com\/offenheit-und-privatsphaere-was-bedeuten-sie-fuer-unsere-arbeitswelten\/","title":{"rendered":"Offenheit und Privatsph\u00e4re: Was bedeuten sie f\u00fcr unsere Arbeitswelten?"},"content":{"rendered":"\n<p>Von Jahr zu Jahr steigt der Anteil automatisierter, maschineller Arbeit. Dadurch stellt sich immer dringlicher die Frage, was uns Menschen eigentlich besonders macht und wie die Rolle menschlicher Arbeit in einer digitalisierten Welt zu verstehen ist. Oft wird an dieser Stelle unsere Empathie genannt: Berufe in denen das menschliche Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen gefragt ist, w\u00fcrden demnach an Bedeutung gewinnen. Aber auch ganz im Allgemeinen unterscheidet sich unsere Denkf\u00e4higkeit von rein maschineller Rechenkapazit\u00e4t; denn Maschinen denken weder kritisch, noch sind sie zur menschlichen Kreativit\u00e4t bef\u00e4higt. Letztendlich darf auch nicht vergessen werden, dass der <em>Sinn<\/em> der maschinellen Arbeit darin verborgen liegt, dass Menschen ihr diesen zuallererst geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Organisationen sind sich dessen Bewusst, dass Menschen nicht ohne Weiteres durch Maschinen ersetzt werden k\u00f6nnen \u2013 und pflegen daher das Mindset einer klaren Unterscheidung zwischen maschineller und menschlicher Arbeit. Oft gibt es in Unternehmen jedoch auch erheblichen Raum f\u00fcr Verbesserungen, um diese Unterscheidung tats\u00e4chlich zu leben und zutiefst menschliche Potentiale zu kultivieren. Dies zu erreichen, erfordert M\u00fche und Geduld. Denn oft herrscht in Organisationen noch eine unterschwellig mechanistische Auffassungen von Arbeit vor: zu oft wird der Mensch noch als \u201cMaschine\u201d gedacht und eben nicht als Mensch. Solche unterschwelligen Mindsets sind ein gewichtiges Hindernis f\u00fcr das Bewusstsein, dass menschliches Potential von maschineller Leistung klar getrennt werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Thema, das den oben beschriebenen Wandel veranschaulicht, ist die Transparenz. H\u00e4ufig trifft man F\u00fchrungskr\u00e4fte an, die Transparenz, sei es in organisatorischen Abl\u00e4ufen oder bei der Gestaltung von Arbeitspl\u00e4tzen, zu ihren obersten Priorit\u00e4ten z\u00e4hlen. H\u00e4ufig wird dieses Anliegen fast wortw\u00f6rtlich verstanden und umgesetzt. Das \u00e4u\u00dfert sich im Einsatz von Glasw\u00e4nden und im Wandel hin zu Gro\u00dfraumb\u00fcros.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits hat dies zur Folge, dass genau jene MitarbeiterInnen, die als DenkerInnen und kreative Geister angesehen werden, sich nicht mehr entfalten und ihren Potentialen gerecht werden k\u00f6nnen, da hierf\u00fcr ein \u201cerm\u00f6glichender Rahmen\u201d fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das l\u00e4sst sich dadurch erkl\u00e4ren, dass unsere Privatsph\u00e4re eine essentielle Bedingung f\u00fcr kreatives, unabh\u00e4ngiges Denken darstellt \u2013 und die Arbeit, die darauf beruht. Kurzum: wir k\u00f6nnen uns am ehesten erlauben, uns kreativ zu entfalten, wenn wir im Schutz der Privatsph\u00e4re, unbeobachtet oder mit einer Gruppe unseres Vertrauen arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sollen wir nun Transparenz in unserer Arbeitswelt verstehen? Von wem k\u00f6nnen wir Transparenz erwarten und in welchen Bereichen?<\/p>\n\n\n\n<p>Byung-Chul Han, der Autor von \u201cBurnout Society\u201d, behauptet, dass Transparenz Vertrauen eigentlich nicht erm\u00f6glicht, sondern vielmehr ersetzt. Er argumentiert also, Transparenz sei nur dann notwendig, wenn Menschen einander eben nicht vertrauen. Denn in einer vertrauensvollen Beziehung m\u00fcssen die Menschen nicht alles \u00fcbereinander wissen, da die eigentliche Funktion des Vertrauens (laut Han) darin besteht, nicht alles \u00fcber unser Gegen\u00fcber wissen zu m\u00fcssen und dementsprechend handeln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zunehmendes Misstrauen und der Ruf nach Transparenz sind also zwei Seiten derselben Medaille. Immer h\u00e4ufiger wird beispielsweise der \u201cVertrauensverlust\u201d in die Demokratie, deren Institutionen und die Gesellschaft als Ganzes attestiert. Gleichzeitig hat laut <strong>Google Ngram<\/strong> die relative H\u00e4ufigkeit des Wortes \u201cTransparenz\u201d in gedruckten Quellen in den letzten 100 Jahren um 760% zugenommen. PolitikerInnen, die ihre Meinung auf Basis neu gewonnener wissenschaftlicher Erkenntnisse \u00e4ndern, werden als irrational ausgewiesen \u2013 schlie\u00dflich lie\u00dfe sich anhand zahlreicher Online-Quellen deren Wortbruch nachweisen. (Und das abgesehen davon, dass PolitikerInnen immer h\u00e4ufiger davor zur\u00fcckschrecken unpopul\u00e4re Entscheidungen zu treffen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Gibt es \u00fcber die Transparenz nur Schlechtes zu berichten? Nein, es gibt auch eine Reihe von Errungenschaften, die man durchaus der Transparenz zu verdanken hat. Die geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede verringern sich beispielsweise deutlich, wenn Unternehmen zur Offenlegung von Lohndaten verpflichtet werden. Einige solcher Unternehmen ver\u00f6ffentlichen die Geh\u00e4lter aller MitarbeiterInnen intern. Manche wagen sogar eine radikalere Form der Transparenz. <a href=\"https:\/\/buffer.com\">Buffer<\/a>, ein Social-Media-Unternehmen, stellt s\u00e4mtliche Geh\u00e4lter sogar online \u2013 Sie k\u00f6nnten diese also jederzeit einsehen. Was zun\u00e4chst abschreckend klingt, hat bei Buffer zu einer Verdoppelung der Einstellungsgesuche und einer h\u00f6heren MitarbeiterInnenzufriedenheit gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachtet man Organisationen, die sich Transparenz auf die Fahnen heften, so kann man festhalten, dass sie vor allem dann vorteilhafte Wirkung entfaltet, wenn sie Machtverh\u00e4ltnisse ber\u00fccksichtigt. Unternehmen, die \u00dcberwachungssoftware einsetzen, um die Arbeit ihrer MitarbeiterInnen jederzeit einsehen zu k\u00f6nnen, m\u00f6gen dies mit den Hinweis auf Transparenz rechtfertigen \u2013 es handelt sich aber vielmehr um Kontrollma\u00dfnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen hingegen Regeln zur Anwendung, die F\u00fchrungspersonal und Manager zu transparentem Verhalten bewegen, so kann dies zum Ausgleich von Machtverh\u00e4ltnissen f\u00fchren und von einer Mehrheit der MitarbeiterInnen als positiv empfunden werden. Wohlgemerkt kann man auch dem F\u00fchrungspersonal nicht absprechen, bestimmte Arbeiten besser unter Wahrung derer Privatsph\u00e4re zu verrichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wahrung der Privatsph\u00e4re und deren Einklang mit Transparenz sind ein wichtiger Balanceakt. Eines darf dabei nicht vergessen werden: Es bleibt ein menschliches, psychologisches Bed\u00fcrfnis, regulieren zu k\u00f6nnen, wir wir uns der Welt offenbaren. Manche \u00f6ffentliche Personen, wie z.B. Mark Zuckerberg, behaupten, dass wir bereits in das Zeitalter vollst\u00e4ndiger Transparenz eingetreten sind. Es ist liegt aber in unserem Wesen, entscheiden zu k\u00f6nnen, welche Seiten unseres Selbst und unserer Identit\u00e4t wir bestimmten Personengruppen oder Individuen zeigen. Wir offenbaren uns als eine bestimmte Person in der Arbeit, in unseren Familien, unter unseren FreundInnen und nat\u00fcrlich in der \u00d6ffentlichkeit. Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dieses Bed\u00fcrfnis schlichtweg der Transparenz zu opfern.<\/p>\n\n\n\n<p>Transparenz, so wie hier bereits beschrieben, bedeutet, dass die oben genannten Unterschiede, in der Weise, wie wir uns anderen zeigen, aufgel\u00f6st sind. Transparenz muss aber auch von Offenheit unterschieden werden. Denn im Vergleich zu Transparenz setzt die Offenheit voraus, dass man sich anderen gegen\u00fcber bereitwillig \u00f6ffnet. Man tut dies, wenn man einander vertraut \u2013 und es sich richtig anf\u00fchlt. Offenheit kommt also von innen und wird von der Qualit\u00e4t der Beziehung zum Gegen\u00fcber motiviert; Offenheit ist empathisch motiviert. Das Anliegen der Transparenz hingegen versteht den Menschen als mechanistisches Wesen, als Datenbank voller verwertbarer Informationen, die von au\u00dfen frei zug\u00e4nglich sein sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sollten wir es also auf mehr Transparenz ankommen lassen, so d\u00fcrfen wir Folgendes nicht vernachl\u00e4ssigen:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Eine Definition<\/strong> des Grundes von mehr Transparenz: Warum ist sie notwendig und ist sie sinnvoll?<\/li>\n<li><strong>Unterscheidung<\/strong> zwischen Transparenz und Offenheit: Transparenz kann vor allem in digitalen Infrastrukturen sinnvoll sein, w\u00e4hrend Offenheit den Menschen und seine besonderen Wesensz\u00fcge ber\u00fccksichtigt.<\/li>\n<li>Festlegung spezifischer, erw\u00fcnschter <strong>Ergebnisse<\/strong> und deren <strong>letztendliche \u00dcberpr\u00fcfung<\/strong>.<\/li>\n<li>Das <strong>Bed\u00fcrfnis nach Privatsph\u00e4re<\/strong> nicht gegen die Transparenz ausspielen und sie nicht als widerspr\u00fcchlich ausweisen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Wie ist es nun um die Forderung nach Glasw\u00e4nden und Gro\u00dfraumb\u00fcros bestellt, wenn man Transparenz so betrachtet, wie wir es getan haben? Transparenz muss zuallererst in einer Kultur, bzw. einem Mindset der Offenheit verankert sein. Will man eine solche Kultur oder ein solches Mindset ins Treffen f\u00fchren, so stellt sich schnell heraus, dass wir uns weniger mit vorgefertigten L\u00f6sungen, wie z.B. Glasw\u00e4nden befassen, sondern dem Thema auf eine sinnvollere und nachhaltigere Weise begegnen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Will man die Rahmenbedingungen f\u00fcr einen Wandel hin zur Offenheit schaffen, so ist essentiell, dass wir Menschen die Freiheit und Kontrolle dar\u00fcber zur\u00fcckgegeben, wie sie sich anderen gegen\u00fcber \u00f6ffnen. Nichts Gutes kann dabei herauskommen, MitarbeiterInnen schlichtweg zu gl\u00e4sernen Menschen zu machen. Dies w\u00fcrde ihrem psychologischen Bed\u00fcrfnis nach Privatsph\u00e4re zuwiderlaufen und genau die menschlichen Kapazit\u00e4ten untergraben, die nicht durch Maschinen ersetzt werden k\u00f6nnen. Zugleich soll dies nicht als Aufruf verstanden werden, die Transparenz aufzugeben. Vielmehr m\u00fcssen wir R\u00e4ume entwerfen, die unterschiedlichsten Anforderungen der Privatsph\u00e4re und Transparenz gerecht werden. Solche R\u00e4ume reichen von privaten Fokusr\u00e4umen f\u00fcr Einzelne, halb-privaten Projektr\u00e4umen, bis hin zu \u00f6ffentlicheren Sozial- und Pr\u00e4sentationsr\u00e4umen. Die r\u00e4umliche Vielfalt wird so zum Erm\u00f6glicher (\u201cEnabler\u201d) des menschlichen Bed\u00fcrfnisses, seine Privatsph\u00e4re selbst zu regulieren, um somit zutiefst menschlichen Potenzialen einen N\u00e4hrboden zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kann es im Konkreten aussehen, wenn wir versuchen, diesen grunds\u00e4tzlich menschlichen Wesensz\u00fcgen gerecht zu werden? Werfen Sie einen Blick auf eines unserer Enabling Spaces-Projekte, um zu sehen, wie wir Innovationsr\u00e4ume konzipierenn, die den Menschen als Menschen und eben nicht als Maschine verstehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Weiterf\u00fchrende Literatur<\/h3>\n\n\n\n<h3>Weiterf\u00fchrende Literatur:<\/h3>\n<ul>\n<li>Allen, Thomas J., and Gunter Henn. The Organization and Architecture of Innovation: Managing the Flow of Technology. 1st Edition. Amsterdam\u202f; Boston: Butterworth-Heinemann, 2006.<\/li>\n<li>Bennedsen, Morten, Elena Simintzi, Margarita Tsoutsoura, and Daniel Wolfenzon. \u201cResearch: Gender Pay Gaps Shrink When Companies Are Required to Disclose Them.\u201d Harvard Business Review, January 23, 2019. <a href=\"https:\/\/hbr.org\/2019\/01\/research-gender-pay-gaps-shrink-when-companies-are-required-to-disclose-them\">https:\/\/hbr.org\/2019\/01\/research-gender-pay-gaps-shrink-when-companies-are-required-to-disclose-them.<\/a><\/li>\n<li>Han, Byung-Chul. The Burnout Society. 1st Edition. Stanford, California: Stanford Briefs, 2015.<\/li>\n<li>\u201cHow Privacy Fuels Creativity: Sarah Lewis in IAPP Video | The Lavin Agency Speakers Bureau.\u201d Accessed October 20, 2020. https:\/\/www.thelavinagency.com\/news\/how-privacy-fuels-creativity-sarah-lewis-in-iapp-video.<\/li>\n<li>\u201cWhy These 3 Companies Are Sharing How Much Their Employees Make.\u201d Accessed October 20, 2020. <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/business\/talent\/blog\/talent-strategy\/why-these-companies-are-sharing-how-much-employees-make\">https:\/\/business.linkedin.com\/talent-solutions\/blog\/trends-and-research\/2019\/why-these-3-companies-are-sharing-how-much-their-employees-make.<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Featured image: Remi Walle at Unsplash<\/p>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Jahr zu Jahr steigt der Anteil automatisierter, maschineller Arbeit. Dadurch stellt sich immer dringlicher die Frage, was uns Menschen eigentlich besonders macht und wie die Rolle menschlicher Arbeit in einer digitalisierten Welt zu verstehen ist. 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